SPD 60 plus Ba-Wü

 

Frühjahrsempfang der SPD 60 plus

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Thierse 2015Toleranz mutet uns viel zu

Es ist eine schöne Tradition, dass der Landesvorstand der AG 60 plus Baden-Württemberg seine Mitglieder und Gäste alljährlich zum Frühlingsempfang einlädt und trotz der letzten Ausläufer des Orkantiefs Niklas war der Bad-Cannstatter Kursaal bis auf den letzten Platz besetzt. Über den Gastredner sagte Lothar Binding, Landesvorsitzender der Arbeitsgemeinschaft, in seiner Begrüßung: „Unser heutiger Gast regte in seinen Reden als Bundestagspräsident immer dazu an, über tieferliegende Dinge nachzudenken – in einer für den politischen Raum ungewöhnlichen und authentischen Sprache“ . Es sei Thierse stets wichtig, dass Politik im Alltag konkret spürbar werde.

Und so war es auch an diesem Montagnachmittag: Wolfgang Thierse gelang es scheinbar spielerisch, seine Zuhörerschaft in seinen Bann zu ziehen. Und das, obwohl er mit dem Thema „Toleranz in einer pluralen Gesellschaft“ ein heißes Eisen anfasste. Derzeit werden Fragen des friedlichen Zusammenlebens unterschiedlicher Kulturen diskutiert. Lautstark, mit (Hass)Parolen und Gewalt. Und leise, als Zeichen der Solidarität. Ist unter diesen Umständen friedliches Zusammenleben überhaupt möglich? Mit Blick auf die Anschläge von Paris fragt Wolfgang Thierse: Darf Satire wirklich alles?

Religion ist in unserer Gesellschaft im Moment deutlich sichtbar, obwohl viele dachten, dass sich Religiosität verlieren würde. Thierse hält Religion einerseits für wichtig und wirkungsvoll, andererseits erscheint sie vielen Menschen vor allem in Form des Islamismus als gefährlich. Deutschland sei kein säkulares Land geworden, eher eine plurale Gesellschaft. Dabei ist gerade dieser Pluralismus eine anstrengende Herausforderung für alle Menschen, Religionen und Weltanschauungen. Diese sind aufgefordert, auch weltlich zu werden und das friedliche Zusammenleben nach gemeinsamen Regeln zu fördern und mitzugestalten: Es sei wichtig eine gemeinsame Sprache der Verständigung zu haben..

Neben der Achtung von Recht und Gesetz bilden Fairness und Vielfältigkeit auch beim Arbeiten und Konsumieren die Grundlage für diese pluralistische Gesellschaft und ,,Toleranz ist dafür existenziell notwendig…eine Tugend, um die man sich sorgen und kümmern muss", so Wolfgang Thierse wörtlich.

Nach seiner Auffassung war die Streichung des Passus «Religion ist Privatsache» aus dem Erfurter Programm der SPD von 1891 Voraussetzung, eine Volkspartei zu werden. Religion ist auch für ihn selbstverständlich eine private Entscheidung, aber sie müsse öffentlich wirksam sein.Die Gesellschaft und der demokratische Staat leben vom Engagement, Thierse sieht die Religion als „brückenbildendes Sozialkapital“.

Und damit schlägt er den Bogen zur Tagespolitik. Das Fremde – die Fremden – machen Angst, die täglichen Nachrichten verunsichern. PEGIDA ist für ihn ein „Lautwerden gegen Politik“…gegen die angebliche Islamisierung des Abendlandes…gegen Ausländer…gegen Politik…gegen Medien. Viele unauffällige Bürgerinnen und Bürger gingen da auf die Straße. Das Phänomen PEGIDA zeige, dass Pluralismus keine Idylle ist, sondern erlernt werden müsse.

Wolfgang Thierse wurde auch konkret. Was alle Menschen „fühlen“, politisch engagierte „wissen“: Demokratie ist in ihrer inneren Struktur langsam, die Politik kann nicht alle Ängste nehmen – Entheimatungsängste, Existenzängste…aber Politik muss die Ängste akzeptieren und nicht verspotten, sie zum Gegenstand des Gesprächs machen, denn „einer Volkspartei steht Gesprächsverweigerung nicht gut zu Gesicht“. Für ihn schließt das Gespräch auch immer ein Widersprechen ein, birgt die Chance, Toleranz zu lernen, die Thierse als eine hohe und anständige Bürgertugend sieht.

Mit seinen Ausführungen zur Toleranz schloss Wolfgang Thierse den Kreis: „Toleranz mutet uns viel zu, ist anstrengend“…und habeviele Gesichter: Duldung, Gleichberechtigung, Respekt als angemessenes Fundament für eine pluralistische Gesellschaft und Wertschätzung. Toleranz entwickele sich aus dem eigenen Wahrheitsanspruch und dem Wahrheitsanspruch des Anderen. Die gelingende Demokratie sei ein Ja zum Wahrheitsanspruch des Anderen. Niemand stehe über dem Pluralismus, keine Religion oder Glaubensgemeinschaft. Alle müssten sich an den Gesprächen über das Allgemeinwesen beteiligen…Christen, Muslime, Juden, Atheisten, Agnostiker…

Die Antwort auf die anfangs gestellte Frage „Darf Satire wirklich alles?“ ist für Wolfgang Thierse klar: Wenn wir Toleranz als Respekt der Menschenwürde sehen, dürfe Satire eben nicht alles.

Fotos: Richard Mall

Frühjahrsempfang 2015