SPD

Desinformation in sozialen Medien

Veröffentlicht am 27.10.2026 in Aktuelles

Martina Peao
Fachreferentin Medienpädagogik und Online-Redaktion Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg  referierte am 22.07.2026 in Stuttgart zum Thema

Desinformation in sozialen Medien.  Was bedeutet das für junge Menschen? Was können wir tun?

Bericht von Hans-Georg Kerler

Debatten über soziale Medien sind häufig von Sorge, Kritik und nicht selten auch von Ratlosigkeit geprägt. Begriffe wie Filterblasen, Desinformation oder Manipulation bestimmen die öffentliche Diskussion. Gleichzeitig sind soziale Medien aus dem Alltag vieler, besonders junger Menschen, nicht mehr wegzudenken. Studien zeigen, dass fast 100 % der 16- bis 44-Jährigen das Internet nutzen, bei den über 6-Jährigen bereits 92 %. Sie leben bereits in einer digitalen Gesellschaft.

Jugendliche nutzen laut JIM-Studie Plattformen wie WhatsApp, TikTok, Instagram, Snapchat, und YouTube als Erfahrungsräume. Sie suchen dort Unterhaltung, Orientierung und Information Zugehörigkeit, Anerkennung, Selbstfindung und Selbstdarstellung (eine Rolle wie früher der Schulhof, die Klasse, die Freunde). Sie sind zentrale Orte der Identitätsbildung und Teil der Jugendkultur. Informationsquellen sind die „Blase“, Eltern, Freunde, Unterricht, Suchmaschinen, auch noch Fernsehen und Rundfunk, aber immer seltener Zeitungen, lineares Fernsehen und Bücher. Weil Heranwachsende in ihrer Entwicklungsphase offen und oft unsicher sind, sind sie dem Angebot sozialer Medien meist ungeschützt ausgesetzt.
Zum Problem wird die Verführung durch Algorithmen, die zum zeitfressenden Herumhängen im Netz, zur Abhängigkeit, zur Sucht führen kann. 18- bis 24-Jährige beziehen fast ausschließlich digitale Informationen. Dabei wird Politik oft nicht gezielt gesucht, sondern als Teil des Unterhaltungsangebots beiläufig wahrgenommen. Die Algorithmen wie z. B. bei TikTok1 oder Instagram machen Vorschläge, die dem Nutzer gefallen, gemäß seinem Profil. Sie wecken Aufmerksamkeit, Interesse, Emotionen. Die Dauerberieselung fördert die Dopamin-Ausschüttung. Zweck ist die Werbung, das Geschäft mit den Daten der Nutzer, den potenziellen Konsumenten, ihre Beeinflussung. 

Der öffentliche Diskurs basiert damit auf privaten Plattformen, welche die Themen und politische Meinungen setzen und verstärken. Es gibt keine Transparenz, wie die Demokratie sie verlangt. Die Eigentümer der Tech-Konzerne legen die zentralen Algorithmen kaum offen. Diese Akteure haben die Macht, die Inhalte zu bestimmen. Politische und gewerbliche Influencer machen sich dieses System zunutze. 

Der Beitrag eines Influencers kann überraschen, aufklären, Gefühle ansprechen, werben, skandalisieren, polarisieren. Z.B.  führen Spots rechtsextremer Akteure zur Dauerempörung. Oft ist es eine Mischung zwischen Unterhaltung, Werbung, Bedürfnisbefriedigung, Information, Meinung, Agitation. Zwischen Influencer und Follower kann sich eine „parasoziale Beziehung“ herausbilden, weshalb Jugendliche ihnen folgen. 48 % der 16- bis 19-Jährigen nutzen Influencer als Nachrichtenquelle. Soziale Netzwerke können bereichern, aber auch manipulieren.
Eine Missbrauch der Plattformen ist die Desinformation: wenn ein irreführender Inhalt verbreitet wird, um Menschen absichtlich zu täuschen, Debatten zu beeinflussen und Vertrauen zu zerstören, etwa bei Wahlen oder bei besonderen, schwerwiegenden Ereignissen. Die Urheber sind meist unbekannt, doch wird z.T. eine hybride Kriegführung entlarvt. Wortbeiträge können aus dem Zusammenhang gerissen, Bilder mittels KI verändert sein, so dass die wahre Quelle unerkannt bleibt. Wirksam sind Lügen, Gerüchte, Verallgemeinerungen, Wiederholungen, „Bestätigungsfehler“ (der eigenen, evtl. manipulierten Meinung). Ziel ist Misstrauen säen, verunsichern, verängstigen, politische Meinung beeinflussen (z.B. bei der rumänischen Präsidentschaftswahl 2024). 

Vorreiter bei der Verwendung sozialer Medien durch Parteien in Deutschland war die AfD, die ihre Auftritte im Bundestag auf diesen Zweck ausrichtet und KI-generierte Informationen verwendet. Andere Parteien haben inzwischen aufgeholt soziale Medien zu nutzen. Vermutlich verändert dadurch sich das politische Verhalten von Jugendlichen.
Was ist zu tun? 
Vorbeugend sollte auf Manipulation vorbereitet und für diese sensibilisiert werden. Über eine Falschinformation sollte aufgeklärt werden.
•    Eltern sollen Gespräch mit Kindern, Jugendlichen suchen.
•    Jugendprogramme erhalten, ausbauen, z.B. funk
•    Faktenchecker nutzen (z.B. Mimikama)
•    Jugendliche können sich an HateAid wenden, wenn sie Opfer digitaler Gewalt, Hassrede oder Bedrohung werden.
•    Aufklärung in Schulen, in Vereinen, durch Landeszentrale für politische Bildung verstärken
•    Jugendorganisationen demokratischer Parteien sollen Jugendlichen Informations-angebote in sozialen Medien machen
•    Offensichtliche Lügen, Beleidigungen u.a. Straftatbestände bei Staatsanwaltschaften anzeigen
•    Schädliche Plattformen müssen reguliert, ggf. verboten werden. 
Das informative Referat von Martina Peao entwickelte sich rasch zu einer diskursiven Veranstaltung, in die sich ein beträchtlicher Teil der fast 40 Anwesenden aktiv mit Fragen und Beiträgen einklinkte.

1Anm. (H.-G. Kerler): Algorithmus-Schock: Wie TikTok das Netz umgekrempelt hat. Vom Tanzvideo zur Shopping-Maschine: Wie TikTok mit neuen Technologien und Algorithmen das Social-Media-Geschäft grundlegend verändert hat und politischem Einfluss Tür und Tor öffnet. 
dpa in Stuttgarter Zeitung vom 15.9.2026